Projekt

„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“ (Art. 5 Abs.1 Satz 1 Grundgesetz).

Durch die Digitalisierung von Kommunikationsmedien und Social Media hat sich unser Umgang mit Medien dramatisch verändert. Um der Informationsflut im Internet Herr zu werden, setzen digitale Medienanbieter auf Empfehlungssysteme, die Inhalte für Nutzer personalisiert aufbereiten. Erstmalig greifen Algorithmen in den öffentlichen Diskurs ein. Ein befürchteter Effekt im Dreiklang zwischen Nutzern, sozialen Medien und Empfehlungssystemen ist die Filterblase. Sie bewirkt, dass Nutzer nur noch Inhalte sehen, die ihrem Geschmack entsprechen und keinen Zugang mehr zur ungefilterten Meinungsdiversität der Bevölkerung haben. Durch diese informationelle Segregation wird Meinungsbildung nachhaltig beeinflusst (verfärbt, verfälscht, verzerrt) und führt zu Polarisierung von Meinungen. Die Identität der Urheber von Meinungen in sozialen Medien ist für Nutzer nur schwer zu überprüfen. Sogenannte Social Bots sind Computerprogramme im Social Web, die sich als Menschen ausgeben. Der Entwickler entscheidet, wie sich dieses Programm am Diskurs beteiligt, wie häufig, wie nachdringlich und wie ausdauernd. Social Bots werden eingesetzt, um den öffentlichen politischen Diskurs gezielt durch Meinungsmache, Demobilisierung und Propaganda zu beeinflussen. Zensur benötigt nicht länger die Unterdrückung von Meinungsäußerung, Zensur geschieht im Web 2.0 durch Überflutung mit ungewollter und falscher Information – mit Fake News.
Das Projekt Digitale Mündigkeit wird sich mit der Frage beschäftigen, wie der Meinungsbildungsprozess in sozialen Medien in der Interaktion aus Mensch, Empfehlungssystem und Social Bots beschrieben, modelliert und vorhergesagt werden kann. Methodisch wird Agentenbasierte Modellierung eingesetzt, um emergentes Verhalten komplexer Systeme aufgrund individuellen Verhaltens sichtbar zu machen. Es ist ein Werkzeug zum Begreifen nichtlinearer Prozesse, in denen viele Beteiligte gleichzeitig wirken. Für eine phänomenologisch hochwertige Modellierung bedarf es der interdisziplinären Zusammenarbeit und der Kombination soziologischen, psychologischen, kommunikationswissenschaftlichen und informatorischen Wissens.
Im Projekt „Digitale Mündigkeit“ wird die Methodenentwicklung für die Modellierung der hybriden Meinungsbildung maßgeblich vorangetrieben. Das Projekt leistet einen Beitrag zur Sicherung der Demokratie und zur informationellen Selbstbestimmung der Internetnutzer, indem es ein Werkzeug bietet, Meinungsbildungsprozesse in hybriden sozialen Netzwerken sichtbar zu machen und empfindliche Kipppunkte im öffentlichen Diskurs (anhand von Modellparametern) identifiziert, die in qualitativ andere, demokratiegefährdende Systemzustände führen können (Polarisierung, Extremisierung, Xenophobie, Homophilie).

 

Weitere Informationen zur Förderrichtlinie finden Sie unter:

http://graduiertenkolleg-digitale-gesellschaft.nrw/